17
Apr
2014

karfreitagtanzverbot

Heidelberg, Diese stadtspatzen und wie sie widerhallten ohne autos am samstagmorgen. Erinnerte demzufolge kurz auch einen anderen morgen, einen Sonntagmorgen, helmut schmidt war gerade gestürzt.

Seit langem ist sie beim rundfunk. War mir immer eine gute freundin. Manchmal hör ich sie zufällig noch im radio ab und an, dann denk ich an sie und wie es ihr wohl geht. Dort hatte ich mir angesichts bevorstehend einer kleinen gemeinsamen parisreise elton johns „goodbye yellow brick road“ gekauft, ein für eine zugreise wahrhaft sinnloses doppelvinyl, dafür aber fürs spätere leben, dazu eine schmucke hose auf ihre erfahrene empfehlung hin, nach unten eng zulaufend modegemäß und in einem braun, welches nun Opel wiederentdeckt hat, wie mir gestern auffiel beim ausschritt aus der kirche.

Ich trug rötlichen doppelschnauzer und las umgehend „Du fährst zu oft nach Heidelberg“. Das erste mal seit meiner mutter hatte ich neben einem weiblichen menschen in einem gemeinsamen bett geschlafen und kein auge zugetan. Ich hatte für mich keine augen zugetan. Ich konnte noch nie ganz nah neben irgend jemandem anderen schlafen. Dann war klassik zum frühstück von kassette, wie in allen geisteshaushalten mit anspruch, und eben jene stadtspatzen. Man wird so oft alleine gelassen mit sich, aber das ist ja oft auch richtig so.

Die nachschau.

Auch die saarschleife bei mettlach und das erste mal schnecken zu essen. Das einzige mal bis heute. Nach den schnecken wollte ich rauchen und wusste nicht, ob dies zwischen zwei gängen der etikette nach in solch einem edlen restaurant erlaubt sei. Ihr vater gab mir feinsinnig zugewandt und sehr weise (leise) auf den weg, daß zunächst unvorbehaltlich erlaubt sei, was ich mir erlaube. Selbst hier. Das hatte mich sehr beeindruckt.

Ich war immerhin ein junger vaterloser mensch. Wir rauchten dann jeder einen seiner cigarillos und ich eine meiner zigaretten schnell dazu. Dabei hatte ich mir morgens beim rasieren vor aufregung dieses saarlandes in die kottelette geschnitten. Wie mir das immer passierte, wenn es jemals drauf ankommt, bis heute. Ein gutes zeichen und schönes bild allemale.

Ich trug also rötliches pflaster und rötlichen schnauzer in einem kleinen feinen saarländischen restaurant mit dem namen „l’escargot“. Der koch war dick und zündelte schwitzend irgendetwas am tisch. Ich empfand seine ausstrahlung obgleich seiner immensen körperfülle als sehr sinnlich, er war eins mit seiner geübten flambiererei und trug funkelnde schweissperlen auf der stirn, die merkwürdigerweise auf nichts heruntertropften. Ein überaus runder mensch eben, ganz und gar im Eros seines gegebenen selbst. Auch das habe ich mir dann äußerst fürs leben gemerkt, für meine werkseinstellungen.

Seit jahr nun wieder einmal in heidelberg, ich war angetan und wohlfühlend. Auch von den gastgebern. Ein richtiger strom ist der neckar dort, kurz bevor er aufgesogen wird, geschlürft wie schnecken. Denn auch die köchin hatte einst dinge und sachen in heidelberg. Eine lebensform, die derzeit außer interesse und damit auch konkurrenz. Hat sie mir vieles gezeigt und erzählt.

Die zeiten sollten vielleicht magerer werden, um sich dessen zu erinnern. Es ist alles rand am topf. Jeder tropfen, der überquillt, verdampft oder verbrennt. Oder bestenfalls verdunstet. Vor allem: Es ist nichts mehr übrig an VORSTELLUNG. Jeder gedanke ist bereits gewusst, immer und überall. So kommt mir das vor. Viel mehr noch, als nichtmal geteilt.

/Genauso ÜBRIGENS die kontextuale bildende kunst. Was für eine lehrende balz. Was für eitelkeiten. Das Übrigens als kurve. Bestenfalls werden gute ideen zu kunst umformuliert. Mir gefällt nicht mehr, wer sich da alles tummelt und/oder mittlerweile die drängelnden koordinaten vorgibt. Das ist mir alles zu lesbar geworden. Lesbar noch von den letzten zwar vielleicht klugen, jedoch visuell Minderbegabten. Bildnerisches geheimnis und sprache sind unerwünscht, da nicht verstehbar, sie werden schlicht nicht mehr wahrgenommen und damit dann auch nicht mehr gezeigt. Ganz selten vielleicht. Oder zu spät mit viel tamtam, dann.

Nach Tod vermittelbar. Geheimnissen. Klänge blöde, Kinderkram und doch.

Im grunde gibt es ja kaum noch eigentliche „Bildwerke“, sondern lediglich gerade noch gelegt hochprofessionell kreditproduzierte gedankenvorgänge in groß, deren verdrahtung stets mitgeliefert wird oder selbsterklärend ist. Oder aufgrund einer modern sinnfreien abstraktion nicht mehr erklärt werden muss, für diesen fall wird die weisse blase eines ungeübten nihilismus dann nebst sonnenbrille mitgeliefert. Informationsreihungen, -produkte. Fein. An die visionslosigkeit wurde sich ja schon gewöhnt, nur diese kann man erst haben, hatte man einst welche.

Der erwerb der fähigkeit zur VORSTELLUNG nimmt ab. In meiner beschränktheit.

Vorstellungen sind wie gute frische sonntagsbrötchen aus weissmehl mit dick kaltbutter und (ggf. selbergemachter) brombeermarmelade. Dazu die stadtspatzen. Und etwas vielleicht, was sich lohnt, es zu erzählen oder zu bebildern, da es gelebt. Wenigstens: vorgestellt.

Zeichen. Wir lachen aufgeklärt über Zeichen. Zeichen sind etwas für völker der natur, grenzenlose Milde.

In heidelberg könnte ich mir sogar irgendein leben vorstellen. Mannheim und ludwigshafen sind nicht weit. Der wilde odenwald (angeblich eine hölle) auf der anderen seite in geographie. Das würde sogar die existenz einer altehrwürdigen universität lindern. Das doppelalbum goodbye yellow brick road ist eines meiner gehüteten klassiker. Insbesondere der titel „Bennie and the Jets“ passt mir immer noch braune unten enge hosen an. Ich bin in meiner Vorstellung auf der suche nach silbernen turnschuhen dazu.

Morgen ist karfreitag und alle reden übers tanzverbot, welch’ Luxus.

13
Apr
2014

...

vintage
12.4.2014
Foto am 08-04-2014 um 23.18
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(no Fear, mehr Text.)

5
Apr
2014

outlet

uv
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(Foto: Dr. J.F.)


Auf einem Kirchturm in der alten Türmerstube zum Herrichten der Türmerstube. Verbrachte ich meine letzten Tage. Eigentlich sind es drei Türmerstuben. In Fachwerkkonstruktion mit verputzten Ausmauerungen, darauf ornamentale Malerei und ggf. Blütenranken als Erstfassung und eine Vielzahl von Inschriften auf verschiedenen darüberliegenden Tüncheschichten. Das UV-Licht macht es sichtbar. Ein schöner Ort, das fanden auch schon andere. Und eine schöne Baustelle, Dank der Kollegin Dr. J.F., auch für die UV-Aufnahme.

Dort ist Outlet-City, die Kirche heisst Martin und sie hat einen rundumlaufenden Turmbalkon, der mit steinernem Maßwerk der Renaissance geländert ist. Man kann hinaustreten und hat eine schöne Sicht über die Stadt und das Land.

Unten können alle, die nicht mehr so viel auszugeben haben, dennoch am Konsum teilnehmen und kaufen einen Martinsmantel oder Jesuslatschen. Tragen dann zufrieden und stolz die Käufe in Markentüten mit Aufdruck durch die Stadt zum Kaffee nach dem Einkauf, so wie ich das auch tun würde. Überall Markentüten. Auch wenn man kurz vor arm ist, kann man hier noch irgendwie PRADA oder PUMA und so weiter. Das ist ein schlimmes Spiel. Dass das so funktioniert. Immer gibt es zwei Sichten und aber immer nur ein Leben. Und einen grandiosen Mechanismus des Kapitals. Bösartig und raffiniert in seiner Gnade. Die ganze Stadt ist eine einzige Boutique. Bestimmt allerdings wurden dadurch Arbeitsplätze geschaffen und die Steuern und Abgaben für die öffentliche Hand kommen der Allgemeinheit zugute. Spielplätze, Kinderhorte, Alte, Bordsteine, Randgruppen. Es ist also alles gut und es ist alles schlecht. Und es beschreibt eine Spur, die Unbestechlichkeiten schon oft raffte.

Hunderte Fliegen versammeln sich hier oben. Durch das eine Fenster fliegen sie hinein und durch das andere wieder hinaus, immer im Kreis dem Licht nach. Wovon sie sich ernähren, ich weiss es nicht. Turmfalken beäugten unsere offene Türe zum Umgang, wir stören sie, sind wir hier oben doch fehl am Platze. Die Falken haben einen seltsam aufgeregt hellen Ruf, fast ängstlich, der so gar nicht zu einem Raubvogel passt. Wahrscheinlich wissen sie nicht, dass sie eigentlich Raubvögel sind. Wahrscheinlich wissen auch wir nicht, dass wir eigentlich Menschen sind. Gestern nun hat sich wohl endlich ein Paar gefunden, kurz saßen sie flatternd aufeinander, danach flogen sie in Herzpirouetten gemeinsam zu einem alten Schornstein hinüber. Im trockenen Gewölle auf der Brüstung liegen verdaute kleine Mausezähnchen und allerlei interessante Sachen.

Das Schmutzwasser konnte man in den Regenwasserabfluß des Balkons schütten. Neues Wasser oder anderes Material (zum Beispiel Kalkspatzenmörtel) muss man von unten herauftragen, was jedesmal ziemlich anstrengend und mühsam ist. Man überlegt doppelt, was vonnöten, weiss aber wenigstens, dass es gesund sei. Der Blick auf den nahen Rand der schwäbischen Alb (hier ist es kein wirklicher 'Trauf') mit den jetzt erblühenden Obstwiesenhängen entschädigt jedoch sehr. Dazu der warme Wind und die Sonne, ich hätte schön Farbe im Gesicht abbekommen, meinte die Köchin.

Das große Glockengeläut am Mittag lässt den gesamten Turm schwanken, man merkt das in den Knien und gleich am Rand vom Bauch. Man verspürt es. Wundert sich aber dann beim zweiten Mal schon gar nicht mehr so sehr. So geht das mit der Gewöhnung. Unglaublich, was solch ein Mauerwerk und eine Turmstube an Schwingungen aushalten muss. Es ist ohrenbetäubend und folgenschwer, aber nicht schlimm, da inzwischen vertraut. In einem Turm steht man ja meist über den Dingen.

Für neue Sommerschuhe und deren Ankauf werde nun auch ich vielleicht bald schon dorthin fahren und dann aber gewiss die Markenaufdrucktüte (TIMBERLAND, LLOYDS etc.) doch lieber irgendwo heimlich ohne angstvollen Ausruf entsorgen. Bis dahin sind die Fliegen vielleicht schlauer geworden (das schaffen die nie, das wollen die gar nicht) und die Falken haben hoffentlich Junge.

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(im Februar. wars da noch kalt.)


Metz1
Metz2

31
Mrz
2014

Pielefeld

blogger
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(jetzt nva. geprüfter!)


ab und an geschehen ja immer noch analoge dinge der feinsten art und weise. so auch am vergangenen wochenende in pielefeld, der perle west-ostwestfalens. bzw. bielefeld, der berle ost-westostfphalens. und wer bitte kennt schon parderborn. superkatholisch. oder bad lippspringe. die ems entspringt irgendwo hier, jene ems, die man süddeutsch nach west-ostfriesland verortet und die seit jeher dem wilhelmshavenschen jadebusen eine westlichere konkurrenz schien in ihrem schadstofferguss vor die inseln jugendlicher sonnenbrände.

jedenfalls hatten die wunderbare
frau rosmarin sowie der ihr herzverbandelte herr Ro, ein meister des didgscheriduu (Fichte) und mongolischen obertongesanges, wie ich (im ernst!) erfahren und bewundernd teilen durfte, zum IBT geladen und es war ganzschlicht ganz wunderbar. und überwältigend vertraut. (privat würde ich das weit mehr subjektiv formulieren: "mensch du, schatzi, bin noch ganz bedaddelt, es war so richtig richtig sauschön!"). das ist so. das stimmt so.

ich und wir lernten kennen, dass auch bielefeld eine burg besitzt wie jede anständige stadt, was ich nicht erwartete zunächst, insofern es dann ja auch eine altstadt geben musste, die teilweise noch erhalten sei, was sie dann auch tat vor meinen verwöhnten augen des 15ten jahrhunderts, obgleich gestreichelt von Bomber Harris wie so viele. die flachswirtschaft, die spinnereien, die waschmaschinen von MIELE, das backpulver, ein clan namens D***++. wobei mir erinnerte, dass ich einen relativ aktuellen namensträger kenne (initiationsgeschichten), sogar ganz gut und sympathisch, hässlich nebenwortig allerhöchstens die verkehrsplanung der 1960er jahre mit schönen autobahnen in höhe der belle etage einer immerdar und oft gesehenen "zweiten" stadterweiterung um 1880 längsschneisig durch die stadt mit 4 spuren auf beton.

sicherlich (so dachte ich) gibt es auch billige, erschwingliche wohnungen und gewerbeeinheiten demzufolge in BI und die tatsache, dass dort ungefähr 330.000 menschen ihr leben verbringen, diese tatsache hat mich ziemlich angefachelt, weil ich ja stets nach ebenerdigen siedlungen suche, die raum für alles am leben bieten/pieten jenseits der geliebten glischees. BI scheint mir im guten ziemlich geerdet. auch die redakteurinnen der neuen westfälischen (danke!). und ich war ja das erste mal im leben dort.

diesen eindruck und vieles mehr an beseeltem habe ich also sehr wohl aus bielefeld mitgenommen auf 500 unausgeschlafene pressingkilometer in richtung süden am vorgestrigen sonntag, blinker links/linke spur, währenddessen die mit- und bald retourgereiste köchin bereits ihren sonntag erfüllte. während ich noch schlief in bielefeld im schwimmbad.

/besonders schön MIR ja immer diese mischung (Salon?!) aus eher auch unvercliqueten blogseiten. kuscheln. das ist so wunderbar, immer wieder. mich eingeschlossen. verzichte nun diskret auf aufzählungen der teilgenommen habenden. unglaublich, mal wieder bis halb fünf wachgewesen zu sein in solch netter runde.

/So, und dann wurden wir alle noch unter fachkundiger Führung durch das Nachtleben Pielefelds geleitet von Norbert, dem Schriftführer der
Bielefelder Flaneure. Ein Bierchen nach dem anderen in basischen Lokalitäten, ganz nach meinem Geschmack und 1a prima! Wesentliche Informationen zu einem archetypischen Leben, das nirgendwo und schon gar nicht nachts mehr wahrgenommen wird. Einer empathischen Flaneursgemeinschaft, die voller Subversivität und Ungehorsam geeignet sich hätte zum Vereinen einst mit dem... Deutschen Handwerke mit Diskussion (und verstohlenen Ausblick). Aller Spaß ist mehr als Spaß und unter dem Sand findet sich ja meist das eigentliche Pflaster.

Dank also nochmal herzlich, liebe Rosmarin, lieber Herr Ro und liebe Flaneure. So viel Gastfreundschaft. Und liebe Mitdabeigewesenen. Und wir sehen uns hoffentlich bald wieder. Alle. Und zwar! ;)

26
Mrz
2014

atelier

Atelier
---
(Der oberarm schwer und hängt, wie vorangekündigt, jetzt können sie kommen, die früh sommer Meningoenzephaliten, Auch sonst alle auf einhundert, stalagtiten des fleisches von oben gegossen Reifen quietschen nachts nullgrad, Flaschner RICHTET den aussenhahn nordseite, selbst der tropfte, im callcenter der krankenkasse depressiv eine rezeptionsfreie schlaftablette, die. -Klang so, als wolle sie sich jeden moment lang umbringen, schien scheinte aber zu sehr langsam dazu. Alle möglichen blumen blühen, deren namen ich nie kannte, weil es mich nie -interessierte, muss ich, es wird mich auch weiterhin nicht -interessieren, Hummeln, Hintern, Hacken allerorts, selbst schuld am aussenspiegelschrotten linkerhand, tiefgarage rückwärts das kleine Kleinhirn, Tango promeniert -getanzt ungezogen, banküberfall mit schenkelchen DICKE luft in Dalton-City Innenseite soWIE schneefall beim Optiker –graupelige Seniorenbrill am rollatorium, das husten von flaniermeilen am hölzernen wald ohne wahl. –Kind Kirschkern ist SCHWER dafür, dass ich einen alten bahnhof in brandenburg ersteigere, ich verrat’ aber nicht, wo und wie, wäre, Ständchen zu einem 90ten mit dem kirchenCHOR. -Schnaps GEKRIEGT für’s singensingen und Absage wettbewerb Berlinja ja –Leckt mich doch am arsch. Ordner fotografieren: „Absagen“. Muss ich. ich muss mal. Mir doch egal -DRAUSSEN ist alles klar, hinter Huchting liegt ein graben, mit bruder -unbeirrt Fleck im objektiv der knipse, schatten, fussel. Ein bändchen um den baum. Muss ich neue besorgen und dann fotografiere ich alle nur noch nackt nackt nackt.)

21
Mrz
2014

20
Mrz
2014

....

Eine vergrämte Radfahrerin, um die 48 Jahre alt vielleicht, wie sie so stellvertretend ist für dieses Städtchen, eine Archetypistin mit gewiss Geisteswissenschaften und wahrscheinlich uraltem Hebammenwissen in den handgenähten Satteltaschen, schob sich mir in der zweispurigen Einbahn-Zone30 zwischen einem Bus und meinem Ich in Form eines friedlichen Lieferwagens gefährlich eng hindurch, beim schon Anfahren nach dem Grünsignal, mit geschätzten Tempo 35 von hinten her frustspurtend und direkt vor meinem startenden Häubchen nach links auf einen Bürgersteig einscherend. In meinem kurze Zeit später sie überholenden Vorbeifahren rief ich ihr milde und einigermaßen freundlich durchs Fenster linkerhand zu:

"Super Idee!",

woraufhin sie mir unerwartet wild winkend noch Kilometer hinterherfuchtelte mit ihrer erhobenen Faust, stumme böse Worte in den Äther ihres offenbar nicht glücklichen Lebens schreiend, wohl alle ihre sämtlichen Enttäuschungen und Verletzungen in mich hineinbündelnd, so dass es mir fast schon schwarz ums Herz und Sonnengeflecht wurde. Allerdings, so deutete mir später mein Gerechtigkeitszentrum mit einem kleinen "tja", so funktioniert eben Energietransfer: Es war in der Folge ein recht befriedigender Tag für mich in meinem kleinen stinkigen Öl-Atelier/Süd, ich übermalte geschätzt-virtuos und flott eine seit Jahren unvollendete noch familiäre Emotionsmalerei, datiert nach dem "3.3.06", mit neuem heiteren und schwungvollem Gesamtempfinden und breitem Pinsel, und ich bin ziemlich zufrieden damit. Geradezu befreit.

Gegen Abend allerdings verreckte mir der linke Frontscheinwerfer. Dessen Kosten ich jedoch durch's Volltanken mit Krimdiesel an einer vom Internet für den Tag als billigsten Anbieter ausgewiesenen Tankstelle in diesem Städtchen fast hälftig wieder ausgleichen konnte. Und aber
hier nun steht ein wirklich sehr schöner und kerntreffender Text von Phyllis Kiehl. Über's Verschwinden. Glatte Häute und straffe Gewebe sind etwas für Anfänger, so soll das auch bleiben. Aber heute ist ja keiner mehr, und seien es die Jüngsten oder die ganz Ältesten, jemals Anfänger gewesen. "Man muss sich doch auch nach dem Sex noch über irgendetwas unterhalten können, sich etwas zu erzählen haben, was der jeweils Andere auch verstehen kann, oder etwa nicht?" Parlierend. So sag' ich das immer zaghaft und mit meinen jüngsten Jungenaugen in Hafenart, an den Sohlen und Planken bereits wissend, dieses Bild ist zwar zu verstohlen, aber doch vielleicht kräftig genug unter Zuhilfe gangbarer Klischees, um das gottgegebene Patriarchat oder die ewig zitierten Männeraugen wenigstens kurzfristig zu umschiffen. Es gibt dort an Deck doch allzuviele Matrosen und Matronen, denen durchaus Zitronen in die Körbchen gelegt werden könnten. Man sollte das gehören.

Und auch ansonsten gilt: An einem möglichen Krieg gegen eine russische Konföderation werde ich mich ausdrücklich keinesfalls beteiligen. Auch werde ich meine verhandelbaren Produkte weder nationalen noch internationalen oder europäischen Sanktionen gegenüber der russischen Konföderation unterwerfen.

16
Mrz
2014

verflüchtigende fensterbilder

"Papa"
---
(2007 - 2014)


„ich habe die wäsche aufgehangen“ oder „ich habe die wäsche aufgehängt“? ich glaube (nein, ich bin überzeugt davon), richtig heisst es „aufgehängt“. „aufgehangen“ sagt man in der gegend um hannover. dort sagt man auch „ölf“ und nicht „elf“.

Es war alles andere als eine coole Winterpause in den aufgehangenen letzten Monaten. Das Kümmern und ihr, der alten Dame, Zustand. Letzterer hat sich gottlob bis hierher wieder verbessert. Die Beschäftigungen mit Finanzen und Pflegestufen, die tägliche Sorge darum, wie denn alles weitergeht, das Umräumen im Hause und die Vorbereitungen auf kommende Zeiten hier am Platze, demnächst. Damit alles funktioniert, auch mal ohne mich. Mein Leben eben. Das hat viel Dings und Kraft gekostet, auch wenn mir das gar nicht aufgefallen ist. Kein einziges Mal in B gewesen, es ging nicht, ich konnte sie schlicht nicht allein lassen. Glück ist, dass es nicht mehr so ist, wie vor und unmittelbar nach Weihnachten und Glück ist die wahrhafte Zustandseinschätzung des medizinischen Dienstes, der nüchtern und klar beurteilte. Glück ist auch der kleine sehr persönliche Pflegedienst aus dem hiesigen Dorf. Glücklich verlaufen auch ihr Sturz, vorbei um Haaresbreite an einer Tischkante (Herrenzimmer Zehlendorf). Und Glück ist auch die Haushaltsperle, die zur Hand geht auch jenseits des Bezahlten. Ein Netz ist nun so gesponnen, wie in alten Nachbarschaftszeiten und wie oft beschwört von seidenen Funktionären der Gesundheit und des Alters, die vor allem Geld einsparen wollen. Ich will aber nicht meckern, wir können auch anders.

Ein anderer Abschied, die Kirschkern. Alles disappeard, alles verflüchtigt sich. Im Grunde ist das Erziehungsziel erreicht, denn das Kind will selber, und das ganz dringend. The Kind will weg von ihrem Daheim und selber machen. Im nächsten Jahr zudem für sechs Monate nach Frankreich, ganz alleine. Ob es das schon kann, das wird sich zeigen, ich bin mir zwar noch nicht ganz sicher, aber es wird schon werden.

Ein innerer und äußerer Abschied, den ich ja schon ungewollt und verfrüht vor vier Jahren nehmen musste. Hier, am Waldrand, ist sie ja ohnehin schon weg. Und eben war es noch 2007 und wir zogen um nach dem Süden. Als erstes installierten wir diese bunten Fensterbilder. Paritätisch betreuend zunächst bis zu diesem Sonderling meiner privaten Vita, diesem Jahr 2009. Wenn es danach am Anfang höchstens zwei Wochen waren, die wir uns nicht sahen, so ist es mittlerweile selbstverständlich, dass es vier oder fünf Wochen des Sich-nicht-Sehens sind. Vielleicht aber ist das ja mein Vorteil jetzt: Ich habe ja schon loslassen gelernt, loslassen müssen, alles mögliche müssen. Bin also schon einen Schritt vorraus im Durchsickern des ewigen Fortschreitens.

Nun gerade geschieht das auch innerlich ihrerseits zusehends, in kleinen und großen Kleinigkeiten. Gut so. Aber führt es mir diese ganze Geschichte doch noch einmal vors Auge. Es ist eben, so, gelaufen. Ich kann mich auf den Kopf stellen und in den Wald rufen „He Bäume, ich wollte aber nie Wochenendpapa sein!“ und oder „He Du Unterholz der Lebensentwürfe am Bach, ich wollte nie, dass (ausgerechnet) mein Kind so einen Mist erlebt!“ und so weiter. Das bringt sowieso nichts, und schon gar nicht mehr. Nicht mehr.

Ganz schön ist, wenn auch immer noch manchmal seltsam und weh, dass ich das alles auch gar nicht mehr so oft in den Wald brüllen muss. Das Brüllen ist abstrakter geworden. Es ist manchmal so, wie samstags das Altpapier rausstellen. Sie hatte sieben elterngemeinsame Jahre und nunmehr 7 getrennte. In drei Jahren macht sie (vermutlich ggf.) ihr Abitur mit diesem undurchdachten und kindheitsfeindlichen G8 und siebzehneinhalb. Und natürlich grenzt sie sich so ab, wie es auf die Eltern am besten wirkt. Das haben wir ja alle auch so gemacht. Das sind in ihrem Fall nicht etwa rosa lackierte Fingernägel oder Punkmusik. Sondern natürlich die aus dem elterlichen Feinstaub jeweils penibel herausgepickten Spezialwundpunkte. Pubertäre Empathie über elterliche Reflexzonen.

So ganz von ganz weit oben gesehen ist ja aber auch das nicht schlecht: Man muss als Eltern eben dafür herhalten, sich hergeben für dieses Trouble, auch das ist letztlich die zugewiesene Aufgabe. Da muss man hindurch. Ich kenne die Trigger und reibenden Punkte ihrer Kommunikation mit ihrer Mutter und deren Haushalt im Südbadischen nicht. Allenfalls könnte ich ahnen. Ich habe darüber auch keinen großen Austausch mit ihrer Mutter. Manchmal denke ich aber, oder ich hoffe es jedenfalls, wir - die Kirschkern und ich - hatten so viel Gemeinsames und Vertrauen vom Neuköllner Anfang an, von Paris und Schöneberg und dem Gasometer her, dass ich nun fast gerne bereit bin – weit entfernt von ihrem alltäglichen Haushalt - auch alle möglichen Abgrenzungsaufgaben geduldig zu erfüllen, die in ihrem jetzigen Zuhause vielleicht in dieser Form dort nicht möglich sind. Das wäre dann ein vielgepriesener Patchwork-Vorteil. „Kind komm, gib’ einfach mir die kleine Arschkarte, ich hab große gütige Arschkartentaschen.“ Eine Metaebene gibt es da noch nicht wirklich. Aber ich habe ja viel Love, Geduld und Humor. Und ich glaube, die Kirschkern auch.

Nun allerdings zäh erkältet und krank, meine Nase, mein Atem. So wie jetzt über die vergangenen bald zwei Wochen. Das kannte ich lange nicht von mir. Ein bisschen zehrend so langsam, es nervt, allerdings auf dem Weg der Besserung. Sogar mit einem Quantum Fieber, immerhin. Dafür muss es Gründe geben. Die kenne ich jetzt. In denen es mir gerne die Sprache verschlagen hat und ich lieber irgendwelche Fotos hier hereinstelle ins Tagebuch, die bestenfalls sowieso das beschreiben, was ist. Ohne Worte und Schöngeist. Immerhin bin ich ja zunächst ein bildnerisch-positiver Charakter.

Sieben Jahre bald Waldrand, vielleicht ist es ja auch das. Irgendetwas neigt sich. Ich lese selber jetzt schon mal öfters im himmelgrauen schneck06 unter 2007. Oder 2009. Eine Vergangenheit ist es geworden, keine Gegenwart mehr. Der Übergang und mehr, der persönliche Untergang, die Zwischenspiele und das Vergeben. Alles will gelernt sein. Mein neues Leben, von dem ich zunächst nie dachte, dass es das gäbe. Wie konnte ich nur. Und nun gibt es eine Menge Pläne, jenseits – oder vielmehr angesichts - des sich mehr und mehr verflüchtigenden Kindes. Im Privaten wie Beruflichem, es rollen sich die Fingernägel und die Zuversicht überwiegt bei weitem über die Eichhörnchen. Es schnuppert sich Aufbruch. Eine schöne und ungeahnte Begleiterin dabei ist auch die Köchin mit ihren stets blauen Bändern. Gleichwohl ist da abstrakter Abschied. Und auch Trauer. Und es geht darum, einen Platz zu finden, wo dies alles vergraben werden kann mit einer sehr lebendigen Rose darauf. Und Schatzkarte.

Jederzeit zum Lachen bringen mich jenseits all dessen sowieso Formulierungen wie „Ich hab’ mir zum Frühstück 'ne Pfanne in die Eier gehauen“ oder „Unser Schorf soll Döner werden“. Das war auch in den letzten sieben Jahren nie anders, ich glaube, zu keiner Zeit wahrscheinlich.
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